Kringelmuster im Panzer

Wachstumsphänomen oder problematische Veränderung?

Annemarie Winter, Editha Krüger & Kosta Mariolis

(Juni 2008, überarbeitet Oktober 2011)

 

1. Einleitung

Bei jungen Landschildkröten und etwas seltener auch bei älteren Tieren beunruhigen den Halter gelegentlich hieroglyphenartige weiße Linien und Kringel im Hornpanzer (Abb. 7-10), weil sie stark an Fraßgänge von Parasiten erinnern. Manchmal ist dieses Phänomen sogar von einer leichten Rotfärbung der Wachstumsringe entlang der Schilde des Plastrons begleitet. Bei Landschildkröten aus gemäßigten Zonen ist dieses Kringelmuster am auffälligsten im Frühling und Frühsommer während der Hauptwachstumsphase, tritt aber auch bereits bei Schlüpflingen vor dem ersten Winterschlaf auf. Gegen Ende der Sommersaison schwächt sich das Phänomen ab, um während der Vorbereitungszeit auf die Winterruhe fast völlig oder sogar ganz zu verschwinden. Auch während der eigentlichen Winterstarre und kurze Zeit danach, sind diese eigenartigen Muster im bzw. unter dem Horn nicht sichtbar.

Diese Linien werden im Ratgeber "Schildkrötenkrankheiten" von Lutz Sassenburg zwar als Fraßspuren von Trematoden bezeichnet, es scheint aber trotzdem noch nicht geklärt zu sein, was sie tatsächlich verursacht bzw. woraus sie bestehen. Genauso wenig weiß man, ob sie im ursächlichen Zusammenhang mit den - allerdings seltener auftretenden - rötlichen Plastronbereichen stehen. Es ist nicht einmal sicher, ob hier physiologische oder pathologische Phänomene vorliegen. Eine Nachfrage bei Fachtierärzten, Biologen, Feldforschern und erfahrenen Schildkrötenhaltern im In- und Ausland ergab einige Vermutungen, aber keine übereinstimmende Ursachenangabe. Vermutet wurden u.a. relativ harmlose Lufteinschlüsse durch zu schnelles Wachstum, Pilzinfektionen, Cholesterinablagerungen bzw. auch eine zu feuchte Überwinterungspraktik.

 

2. Nachweis im Habitat

In der Natur wurde dieses Phänomen bislang noch selten beobachtet und in der Literatur unseres Wissens nach auch bisher noch nicht näher beschrieben. Im folgenden zeigen wir eine solche Musterbildung auch bei drei wildlebenden Breitrandschildkröten Testudo marginata, die vom Mitautor K. Mariolis im Mai 2008 auf einer der Inseln in der Präfektur Piräus in Griechenland gefunden und fotografiert wurden. In Abb. 3 erkennt man deutlich die gleichen hellen Linien und Kringel wie sie die anderen Autoren auch bei ihren Nachzuchttieren beobachten konnten. Eines der Tiere weist zudem eine deutliche Rotfärbung am Plastron auf (Abb. 2).

Abb. 1, Testudo marginata 1, Jungtier wildlebend, Dorsalansicht

Abb. 2, Testudo marginata 1, Jungtier wildlebend, Ventralansicht,
dieses Tier zeigt leicht rötliche Ränder entlang der Plastralschilde



Abb. 3, Testudo marginata 1, Detailansicht (3. Vertebrale),
die weißen Kringel sind deutlich erkennbar



Abb. 4, Testudo marginata 2, Jungtier wildlebend, Dorsalansicht,
auf dem Carapax dieses Tieres sind die Linien schwächer ausgeprägt als bei Tier 1



Abb. 5, Testudo marginata 2, Detailansicht des Plastrons mit deutlichem Kringelmuster,
bei diesem Tiere ist ebenfalls eine - wenn auch deutlich schwächere - rötliche Schattierung zu erkennen.



Abb. 6, Fundort von Testudo marginata 2, Präfektur Piräus



3. Veränderliches Erscheinungsbild dieses Phänomens

Obwohl diese Musterbildung immer wieder in den Internetforen diskutiert wird, ist es nach unserer Erfahrung sowohl bei den betroffenen Schildkrötenhaltern als auch bei Fachtierärzten wenig bekannt, dass die Kringel stark veränderlich sind, ja regelrecht zu fließen scheinen (Abb. 7, Abb. 8). Beobachtet man die Muster im Verlaufe einiger Wochen genauer, tauchen zunächst kleine helle Punkte bzw. Flecken auf und breiten sich dann nahezu ringförmig aus. Dabei verschmelzen die entstandenen Ringe teilweise mit anderen und ergeben dadurch ein ähnliches Muster wie aneinander stoßende Seifenblasen. Bei Schildkrötenarten mit hellen Zuwachsstreifen (T. horsfieldii und T. hermanni) sieht man, dass sich auch gerade, weiße Linien parallel zu den Schildernähten formieren. Vor allem diese Beobachtung legt die Vermutung nahe, dass es sich hier um Aufbauprozesse des Hornpanzers handeln könnte, denn an diesen Stellen findet auch das stärkste Hornwachstum statt (Alibardi 2005). Meist bemerkt der Halter diese eigenartigen Muster auch zum ersten Mal beim Einsetzen der besonders starken Wachstumsschübe nach dem ersten Winterschlaf. Gelegentlich treten sie aber schon kurz nach dem Schlupf auf (Abb. 15 ).

Den beschriebenen veränderlichen Verlauf möchten wir anhand der Musterung der vierten Vertebrale ein- und desselben Tieres zeigen. Es handelt sich um eine zweijährige Testudo graeca, die wir jeweils im Abstand von 3 Wochen fotografiert haben (Abb. 7-10). Das Kringelmuster verändert sich von Foto zu Foto deutlich. Kurz vor der Winterruhe dieses Tieres, also nach Abschluss des jährlichen Wachstums, waren mit bloßem Auge keine Kringel mehr sichtbar. Lediglich in der fotographischen Vergrößerung zeigt sich noch eine diffuse "Wolkenbildung" (Abb. 10). Wie die Änderung eines bestimmten Punktes im Verlauf nur weniger Tage vonstatten geht, zeigen Abb. 11 - 12, fotografiert im Abstand von jeweils drei Tagen.



Abb. 7 - Abb. 10, Testudo graeca, DNZ, zweijährig



Abb. 11 - 12, Testudo h. boettgeri, DNZ, 2 Monate alt



Ein Vergleich verschiedener Schildkrötenarten ergibt leichte Unterschiede in Stärke, Musterung und Ausprägungsort der Kringel. Bei der Zweitautorin E. Krüger weisen Maurische Landschildkröten trotz vergleichbarer Haltung - und unabhängig von der individuellen Wachstumsgeschwindigkeit - eine wesentlich großflächigere Musterbildung auf als Griechischen Landschildkröten. Bei Testudo graeca und Testudo marginata erkennt man diese Muster auch unter den ehemaligen Embryonalschilden und den etwas älteren Wachstumsringen, während bei Testudo horsfieldii bzw. bei Testudo hermanni die weißen Linien - jenseits des Schlüpflingsalters - lediglich in den neueren Wachstumsstreifen zu erkennen sind. Diese eigenartige Musterung fällt daher bei kleinen Maurischen Landschildkröten wesentlich stärker auf als bei Griechischen Landschildkröten. Vermutlich kommen diese Unterschiede zwischen den Arten aufgrund der arteigenen Panzerfärbung oder Hornbeschaffenheit zustande, d. h. die Kringel würden zwar an den gleichen Stellen gebildet, wären aber nicht unbedingt an den selben Stellen auch sichtbar. Eventuell könnte dieses Phänomen bei verschiedenen Arten oder Individuen auch unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Abb. 13 - Abb. 14, Testudo horsfieldii, DNZ, zweijährig
Auch hier ist nach 5 Wochen das ursprüngliche Muster verschwunden,
dafür hat sich eine gerade Linie gebildet



Abb. 15, Testudo hermanni boettgeri, DNZ, 2 Monate alt
Bei diesem nur zwei Monate alten Jungtier sieht man die Kringel auch in den schwarzen Bereichen des Bauchpanzers,
besonders auffällig sind sie längs der ehemaligen embryonalen Bauchfalte



Das Phänomen ist jedoch nicht nur auf Jungtiere beschränkt, wie die Abb. 17 -19 beweisen. Die Muster sind bei den Adulti allerdings schwächer ausgeprägt und mit unseren fotografischen Mitteln kaum darstellbar. Besonders interessant ist hierbei wieder der Nachweis bei einem wildlebenden Tier. Abb. 16 - 17 zeigen Panzerdetails einer weiblichen Testudo marginata, die im selben Gebiet gefunden wurde wie die oben erwähnten Jungtiere. Auch bei dieser vermutlich sehr alten Schildkröte sind an einer ehemaligen, inzwischen wieder mit einer Hornschicht überzogenen Panzerverletzung und im Bereich einiger jüngerer Zuwachsringe noch schwache Kringelmuster zu erkennen. Abb. 18 - 19 zeigen entsprechende Muster bei schon längere Zeit in Gefangenschaft lebenden adulten Wildfängen von Chersina angulata und Testudo horsfieldii.

 

Abb. 16 Testudo marginata (w), adult, wildlebend



Abb. 17 Testudo marginata (w), adult, wildlebend .



Abb. 18, Chersina angulata, WF, adult

Abb. 19, Testudo horsfieldii, WF, ca. 30 Jahre
Auch bei diesem adulten Tier sind feine Kringel erkennbar

4. Diskussion

Die beschriebenen hellen Kringelmuster im Panzer treten besonders bei sehr jungen Landschildkröten auf, meist zum ersten Mal nach dem ersten Winterschlaf, also zu einem Zeitpunkt, zu dem die Schlüpflinge gerade von noch unerfahrenen Schildkrötenhaltern übernommen wurden. Sie lösen deshalb immer wieder Furcht vor Parasitenbefall aus und bewirken besorgte Anfragen bei Tierärzten bzw. in Internetforen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn diese Musterbildung auch noch von einer Rotfärbung am Bauchpanzer begleitet wird. Auch wenn es einen allgemeinen Konsens unter den erfahrenen Halten zu geben scheint, dass die Kringelbildung alleine nicht problematisch sei und sich wieder "verwachse", wird sie meist auf zu starke Fütterung durch die neuen Halter und dadurch verursachtes unnatürlich schnelles Wachstum geschoben. Die hier gezeigten Beispiele dreier wildlebender Breitrandschildkröten aus Griechenland legen jedoch die Vermutung nahe, dass dieses Phänomen nicht durch falsche Gefangenschaftshaltung ausgelöst wird, sondern dass es sich entweder um eine Erscheinung handelt, die jedes normale Panzer-Wachstum begleitet oder um einen pathologischen Prozess, der so auch im Habitat vorkommt.

Folgende Hintergründe wären demnach denkbar:

Die begleitende Rotfärbung, die gelegentlich zusammen mit Kringebildung auftritt, erinnert etwas an die roten Verfärbungen des Panzers, die in Folge einer Blutvergiftung (Sepsis) durch Entzündungen auftritt. Zusammen mit dem "fließenden" Eindruck, den der veränderliche Verlauf der Kringel macht, ließ uns diese Rotfärbung zunächst an Entzündungserscheinungen der Knochenhaut unterhalb des Hornpanzers mit Gewebewasseraustritten denken. Gefangenschaftstiere, die gleichzeitig Kringel und rote Ränder um die Plastralschilde haben, wirken allerdings trotz dieser Anzeichen gesund (A. Saus, pers. Mttlg.). Auch die jungen Breitrandschildkröten im Habitat machten einen gesunden Eindruck und setzten festen Kot ab. Die Jungtiere der Autoren zeigen zudem trotz kräftiger Kringelmusterung im Frühjahr keinerlei rötliche Färbung und waren gesund und fit. Trematodeninfektionen, als pathologische Ursache für das Entstehen dieser Kringelmuster von Sassenburg (2000) beschrieben, wären nicht direkt von Schildkröte zu Schildkröte übertragbar, weil ihre Fortpflanzung meist an Zwischenwirte gebunden ist. Die beschriebenen Kringel und Linien treten aber auch bei Nachzuchttieren in Gefangenschaftshaltung auf, wo diese Zwischenwirte nicht zur Verfügung stehen. Außerdem wären die hier beschriebenen, relativ kurzfristigen Veränderungen im Muster nicht möglich. Es kann sich bei dem Phänomen, das wir bei unseren Nachzuchttieren häufig sehen, also unserer Meinung nach nicht um Fraßspuren dieser Saugwurmart handeln.

Die Häufigkeit des Phänomens bei ansonsten gesund wirkenden Jungtieren und der Nachweis im Habitat sprechen unserer Meinung nach dafür, dass die beschriebene Musterbildung Ausdruck natürlichen Panzerwachstums ist. Die Kringel und Linien sind zudem am stärksten ausgeprägt und am längsten genau entlang der Stellen zu beobachten, an denen jenseits des Embryonalstadiums besonders viele Wachstumskerne für Keratinozyten (Hornwachstum) angesiedelt sind, nämlich längs der Schildnähte (Alibardi 2005). Die hier beschriebene, veränderliche Musterbildung könnte dadurch zustande kommen, dass man die im Epithel ganz frisch gebildeten Keratinozyten - vermutlich aufgrund noch unterschiedlichen optischen Verhaltens - bei der Wanderung durch die schon transparentere Hornschicht beobachten kann, ein Vorgang der nach Alibardi (2005) etwa 5-9 Tage dauert. Wenn dieses Phänomen tatsächlich eine natürliche Begleiterscheinung des normalen Panzerwachstums ist, kann es eventuell sogar im Herbst einen guten Hinweis darauf geben, ob eine Schildkröte noch einen akuten Wachstumsschub hat und daher besser noch nicht eingewintert wird, oder ob sich das Tier bereits auf den kommenden Winter einstellt und schon seit längerem nur noch wenig bis gar nichts mehr gefressen hat.

Um die wahre Ursache beider Phänomene ermitteln zu können, wären allerdings Gewebeuntersuchungen nötig, zu denen die Autoren leider keine Möglichkeit haben. Wir hoffen aber mit der hier vorgestellten Beobachtung, insbesondere dem veränderlichen Verlauf der Musterung und dem Nachweis an wildlebenden Tieren, eine Anregung zu geben, dieses Phänomen mit wissenschaftlichen Methoden genauer zu untersuchen und abzuklären, ob es ein besorgniserregendes Zeichen falscher Umweltbedingungen ist oder - wie wir vermuten - Ausdruck des normalen Hornwachstums.

6. Literatur

Lorenzo Alibardi (2005): Proliferation in the Epidermis of Chelonians and Growth of the Horny Scutes. - J. of Morphology 265:52–69
Lutz Sassenburg (2000): Ratgeber "Schildkrötenkrankheiten". - Bede Verlag, Ruhmannsfelden

7. Bildnachweis

Abb. 1-6, 16-17, K. Mariolis; Abb. 7-10, 15, E. Krüger; Abb. 13-14, 19, A. Winter; Abb. 11-12, M. Frost

8. Danksagung

Wir bedanken uns bei den befragten Tierärzten, Biologen und Schildkrötenhaltern für ihre Auskünfte, sowie bei Marion Frost für die Überlassung der Bilder.


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