Roter Panzer während der Starre

Blutvergiftung, lokale Reizung oder Zeichen eines Leberschadens?

Mai 2013




Seit längerem gibt es in den Foren jedes Frühjahr Berichte über rötliche Verfärbungen des Bauchpanzers von Schildkröten. Teilweise sind sie nur rosa, teilweise blutrot. Die leichtere Form habe ich schon bei zweien meiner Tiere erlebt, einer Landschildkröte und einer Wasserschildkröte. Die blutrote Variante kenne ich zum Glück nur aus den Berichten anderer Halter. Meine männliche Testudo hermanni boettgeri habe ich einmal wegen eines rosafarbenen Panzers dem Tierarzt vorgestellt. Er kam nach eingehender Untersuchung zu der Überzeugung, dass es sich nur um eine etwas stärkere Durchblutung handelt und hat daher nicht behandelt. Das Problem erledigte sich nach einiger Zeit dann auch von selbst. Auch meine Emys orbicularis bekam keine Behandlung, da mir die möglichen Gefahren eines rötlichen Bauchpanzers vor mehr als 10 Jahren überhaupt noch nicht so bewusst waren. Nach einiger Zeit war aber auch bei ihr die Rötung wieder völlig verschwunden.



Abb 1., junge Emys kurze Zeit nach der Winterstarre





Bei manchen Haltern sind die Bauchpanzer aber blutrot, was regelmäßig zur Diagnose Sepsis/Blutvergiftung führt. Behandelt werden die Tiere meist mit Antibiotikum. Wie man lesen kann, ist das nicht immer von Erfolg gekrönt. Seit kurzem gibt es eine neue Theorie, was die Ursachen mancher Formen der Panzerröte angeht (Jennemann 2013). Diese Abhandlung möchte ich im Folgenden kommentieren und mit meinen eigenen Ideen bzgl einer artgerechten Starre und den Ursachen der Panzerröte verbinden.

Ich bin selbst keine Tierärztin. Deswegen kann alles, was ich hier vermute, auch falsch sein.

Ich glaube trotzdem, dass eine angeregte Diskussion über Verläufe und mögliche Ursachen von Erkrankungen unserer Tiere hilfreich sein kann. Irgendwann ist die Szene dann hoffentlich durch Brainstorming aller Beteiligter bei der tatsächlichen Ursache angekommen. Zunächst einmal ist aber der von Jennemann gewählte Begriff für das Syndrom (posthibernale Panzerröte) nach meinem Kenntnisstand in einem Punkt falsch. Die Panzerröte tritt ja häufig schon während der Starre auf und nicht erst danach. Also müsste es "Hibernale Panzerröte" heißen. Da der Zeitpunkt des Auftretens wesentlich für die Ursache sein könnte, sollte man hier genau sein. 




Zwei Kernaussagen mache ich in der Abhandlung zur Panzerröte von Jennemann aus. Ich möchte sie anhand von Originalzitaten vorstellen:


1. "Wenn Tiere bei gleichbleibend niedrigen, aber dennoch zu warmen, den Stoffwechsel nicht ganz niedrig haltenden Temperaturen überwintert werden, entwickeln sie diesen Leberschaden (Jennemann, 2013)

Diese Aussage ist unstrittig und seit langem bekannt. Tierärzte, Biologen und erfahrene Schildkrötenhalter predigen immer wieder, dauerhafte Temperaturen zwischen 4°C und ca 12°C sind äußerst problematisch. Niedrige Temperaturen ermöglichen im Kühlschrank und in sonstigen Überwinterungskisten nur bis etwa 4°C eine problemlose Starre.

Meine persönliche Meinung dazu ist aber, dass man die Überwinterungsqualität noch immer viel zu stark ausschließlich auf die Temperatur bezieht. Deswegen kommen vermutlich die jetzigen Meinungsunterschiede zustande, d.h. einige sind von der Notwendigkeit gleichbleibend niedriger Temperaturen im Kühlschrank überzeugt, andere halten schwankende Temperaturen für natürlich und daher wichtig. Meines Erachtens sind das zwei Seiten derselben Medaille. Der Stoffwechsel wird wohl eher NICHT (quasi wie von außen) allein von der Temperatur gesteuert, sondern wird zum Teil vom Körper selbst geregelt werden. Diese Vermutung legen Messungen der Körpertemperatur nahe (diverse Autoren siehe Cheylan 2001, Handbuch der Reptilien,). Die Umgebungstemperatur ist dabei  möglicherweise nur ein Faktor von mehreren, die diese Drosselung bewirken. Vielleicht etwas verständlicher ausgedrückt, ich halte eine extrem niedrige Temperatur nur deshalb für nötig, weil der Körper bei unpassenden übrigen Starre-Faktoren gegen eine Drosselung des Stoffwechsels ankämpft. Er versucht ihn möglicherweise aufrecht zu erhalten, um sobald sich die Gelegenheit dazu ergibt in eine bessere Überwinterungsumgebung wechseln zu können. Das passiert vermutlich bevorzugt dann, wenn das Tier nicht in seinem angestammten Revier, sondern im Kühlschrank, Keller, Lichtschacht o.ä. überwintert. Ich halte diese Überführung in eine fremde Umgebung für eine permanente Störung der starrenden Tiere, auf den sie mit Stresssymptomen reagieren können. Werden sie dann während der Starre noch weiter gestört, z.B. durch Motorengeräusche des Kühlschrankes, Kontrollen durch den Halter etc., dann kommt der Stoffwechsel nur bei allertiefsten Temperaturen ausreichend zur Ruhe. Bei leicht höheren, aber durchaus noch natürlichen Werten entwickeln sich u.U. die von Jennemann genannten, verstärkten Leberprobleme. Je höher die Umgebungstemperatur unter diesen potentiell stressigen Umständen desto schädlicher ist sie für das Tier. Stimmen aber die übrigen Bedingungen, durch einen selbst gesuchten, bekannten Überwinterungsplatz und ohne Störungen durch den Halter, sind die Temperaturen unwichtig. Das Tier kommt trotzdem ausreichend zur Ruhe, um sich nicht selbst zu vergiften. Die Temperaturen können deshalb auch problemlos schwanken, müssen es aber nicht! Dass dieselben Tiere ihren Stoffwechsel auch bei höheren Temperaturen drosseln können, zeigt die Möglichkeit zur monatelangen Sommerruhe. Auch Jennemann sieht das teilweise ähnlich: "Lediglich in den nördlichsten Verbreitungsgebieten überwintern sie kontinuierlich durch" (Jennemann 2013). Auch im nördlichem Teil des Habitats wäre das aber nicht möglich, wenn die Schildkröte "Starrepausen" zwingend bräuchten, um ihre Leber zu entlasten. Jennemanns deutsche Freilandüberwinterung wäre sonst ebenfalls leberschädigend. In seinem deutschen Freigehege gibt es nämlich garantiert keine Aufwachphasen mit Flüssigkeitsaufnahme, die er als natürlich und notwendig beschreibt.



2. "Werden die Schildkröten in zu feuchtem Substrat wie Walderde oder auch Sphagnum überwintert (...), kommt es durch den dauernden Kontakt mit der Feuchtigkeit zu einer Aufweichung der Hornschuppen, insbesondere über die Schildnähte. Dieser lokale Reiz veranlasst den Organismus der betroffenen Tiere Abwehrzellen in diese Region zu entsenden (Jennemann, 2013)

Ich bin wie gesagt kein Tiermediziner, ich kann Jennemanns Theorie deshalb diesbezüglich nicht praktisch überprüfen. Aber mir kommt die Begründung ziemlich unlogisch vor, auch aufgrund der eigenen Erfahrung mit dem roten Bauch einer Wasserschildkröte. Dieses Tier dürfte ja aufgrund seines natürlichen Biotopes keine Probleme mit aufgeweichtem Horn haben.  Ich sehe auch weder bei meiner Emys noch bei Jennemanns Abb. 27, dass sich die Panzerröte bevorzugt an den Schildnähten zeigt. Im Bereich der schwarzen Pigmente erkennt man sie nur nicht, daher entsteht dieser Eindruck. Meines Erachtens widerlegt Jennemann sich durch seine Therapieweise und vor allem durch die Form seiner eigenen Überwinterungspraxis selbst. Er vermutet, dass ein Schutzmechanismus des Körpers, die Makrophagen, quasi Amok laufen und das eigene Gewebe zerstören, insbesondere die kleinsten Blutgefäße. Das so ausgetretene Blut würde sich am tiefsten Punkt sammeln, dem Plastron. Zum einen müssten diese Einblutungen dann aber eigentlich auch im Bereich der Weichteile zu sehen sein, denn auch hier wirkt Feuchtigkeit ein. Das Blut würde aber von dort nicht den Weg zum Plastron finden. Rote Hautstellen sind aber wesentlich seltener. Zum anderen sind Makrophagen Fresszellen, die gegen eindringende Keime vorgehen sollen, nicht gegen körpereigenes Gewebe. Diese Keime müssten also immer in hohem Maße im Plastronpunktat nachweisbar sein und nicht nur wie Jennmann schreibt "öfter".  Außerdem müsste die Kapillarenzerstörung samt Panzerröte dann eigentlich auch während der Aktivitätszeit, nämlich bei Panzernekrose etc. auftreten, wo ja garantiert massive Keimzahlen vorhanden sind. Es sei denn, Jenneman hält es für eine Art Autoimmunerkrankung. Warum aber würde sich dann das Symptom durch Baden nach der Starre bessern? Das ist doch bei einem durch Aufweichung verursachten Problem mehr als unlogisch. Außerdem, wenn man Jennemanns Foto von der optimalen Überwinterung im Freiland betrachtet (Abb. 29 a-c), fällt auf, dass über der Stelle Schnee liegt. Sie findet also außerhalb eines Frühbeetes bzw. Gewächshauses statt. Nun wird niemand auf den Gedanken kommen, dass in Deutschland im Winter die Erde unter Schnee trocken sei. Seine Tiere überwintern also nicht nur in feuchtem sondern wahrscheinlich in regelrecht nassem Substrat. Trotzdem entwickeln sie laut Jennemann keine roten Panzer. Das ist doch mehr als beweiskräftig und eine Beobachtung, die sich auch mit meiner eigenen deckt. Ich überwintere meine Landschildkröten ebenfalls natürlich, allerdings im Gewächshaus. Meine Tiere tauchen völlig selbst bestimmt im Herbst ab und im Frühjahr wieder auf. Nach meiner Erfahrung ist es dabei völlig egal, ob das Substrat trocken oder nass, neu oder gebraucht ist. Die Tiere entwickeln bei beiden Varianten keine roten Verfärbungen. Die Feuchtigkeit des Substrates ist also ebenfalls nebensächlich.


Eigene Gedanken zum Thema:

Einen von Jennemanns Punkten teile ich aber. Wenn eine Sepsis diagnostiziert und behandelt wird, dann sollte begleiitend auch abgeklärt werden, ob tatsächlich Bakterien im Blut zu finden sind und wenn ja welche. Das wird leider nicht immer gemacht, auch nicht von spezialisierten Tierärzten, wie ein Forenbeispiel aus jüngerer Zeit zeigt. Gehen die Halter aber nicht zum Tierarzt, dann müsste das Tier bei einer Blutvergiftung, die ein solch dramatisches Erscheinungsbild wie einen blutroten Plastron hervorruft, zwangsläufig sterben. Solch eine Bakterienschwemme kann der Körper nicht mehr alleine bekämpfen, sonst wäre es erst gar nicht zu diesem Symptom gekommen. Überlebt das Tier dennoch, muss es etwas anderes als eine bakterielle Blutvergiftung gewesen sein.

Unter der Voraussetzung, dass Jennemanns Behauptung stimmt, im Blut von manchen Schildkröten mit stark rotem Panzer ließen sich kaum Bakterien nachweisen (ich kann das nicht überprüfen und einen überzeugenden Beweis legt Jennemann leider nicht vor), möchte ich eine Vermutung diesbezüglich vorstellen: Während der Hibernation kommt es zur Anreicherung von Stoffwechselgiften, die die Leber belasten, so weit so bekannt. Je länger die Starre und je weniger der Stoffwechsel vom Tier zurück gefahren wurde (eventuell aufgrund von zu hohen Temperaturen, Stress durch fremde Umgebung, Geräusche, Gerüche, sowie regelmäßige zusätzliche Störungen durch Kontrollen etc),  umso stärker wird die Leber belastet. Beim Menschen kommt es bei Leberproblemen zu sog. Leberhautzeichen, u.a. dem Palmarerythem, einer starken Rötung der Handflächen. Genau wie Jennemann von der Panzerröte bei Schildkröten schreibt, verschwinden auch beim Menschen die Hautzeichen bei Besserung der Leberprobleme langsam wieder. Ein Foto dieses Symptoms findet sich hier. Mich erinnert es an die Bilder, die ich von stark geröteten Bauchpanzern nach der Starre gesehen habe, wobei ich solche Tiere noch nicht in der Hand hatte. Wäre die Rötung tatsächlich von Blutaustritten und ncht von einem Erythem verursacht, dann trifft diese Vermutung nicht zu.

Die Feuchtigkeit des Überwinterungssubstrates kann aber zumindest bei meiner Wasserschildkröte auch nicht die Ursache für den roten Bauchpanzer gewesen sein, wohl aber andere Überwinterungsumstände. Dieses Tier ist nämlich, wie sich später bei einer Genanalyse herausstellte, keine nördliche Unterart wie meine übrigen Emys, sondern stammte aus Italien.  Ich habe sie deshalb abgegeben. Die Käuferin war eine Tierärztin, die bei dem ansonsten unauffälligen Tier eine leicht vergrößerte Leber feststellte. Vielleicht hat diese Italienerin die halbjährige Überwinterung im Gartenteich nicht so gut vertragen wie meine Nominatform-Emys.

Geht die Panzerröte aber tatsächlich überwiegend auf ein Leberproblem zurück, dann wäre Jennemanns Artikel sowohl problematisch  als auch hilfreich. Einerseits befürchte ich, dass er dazu führt, dass die Temperaturen bei sehr vielen Haltern während der Starre wieder ansteigen werden. Man wird versuchen die natürlichen und angeblich notwendigen Schwankungen durch Ausschalten des Kühlschrankes nachzufahren, entsprechende Überlegungen sind bereits in Forenbeitägen zu lesen. Das ist meines Erachtens aber ganz überwiegend kontraproduktiv, und NUR im angestammten Revier ungefährlich. In jeder Form von Überwinterungskisten wird es Leberprobleme vermutlich nur verstärken. Recht hätte er dagegen möglicherweise mit der Befürchtung, dass die derzeitge Standard-Therapie der Panzerröte mit Antibiotikum die Leber in solchen Fällen nur noch mehr belastet. Ein Hochfahren des Stoffwechsels nach der Starre samt warmen Bädern wäre dagegen der erste Schritt zur Besserung. Diese Erklärung "Rötung aufgrund von Leberproblemen" würde auch in einem weiteren Sinn passen. Wir bräuchten nicht mehr wie bisher zwischen "harmloser" Durchblutung, die im Frühjahr auch im Habitat vorkommt, und gefährlicher Panzerröte zu unterscheiden. Die leichte Färbung wäre nämlich der Beginn der schwereren. Sie braucht zwar nicht behandelt zu werden, zeigt aber an, dass die Winterstarre nun mal sehr belastend für die Leber ist, wie und wo auch immer sie stattfindet.

 

Abb. 2 rötlicher Bauchpanzer im Frühjahr bei wild lebender Testudo marginata (Präfektur Piraeus, Griechenland)

 

Literatur:

Gerhard Jennemann (2013): Panzerröte (rote Plastra und Carapaxe) bei Landschildkröten nach der Hibernation – Was sind die Ursachen? - Schildkröte im Fokus, 10 (2)
Marc Cheylan (2001): Testudo hermanni, Gmelin, 1789 - Griechische Landschildkröte. - In: Handbuch der Reptilien und Amphibien Europas, Schildkröten, Testudines I



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