In wärmeren Gegenden Deutschlands gilt:

Keine Angst vor Marokkanern!


Marokkanische Landschildkröten gelten allgemein als heikel und anfällig für Infektionskrankheiten der Atemwege, eine Aussage, die ich für meine eigenen Tiere allerdings überhaupt nicht bestätigen kann. Diese Tiere leben in ihrer Heimat in sehr unterschiedlichem Klima, in den Ausläufern des lange Zeit schneebedeckten Hochgebirges, in fruchtbaren Tälern und Oasen, in luftfeuchten Küstenstrichen und in den heißen, trockenen Halbwüsten des Südens. Die Bestimmung der derzeit vier Unterarten bzw. Lokalformen ist allerdings schwierig, ganz abgesehen davon, daß diese Einteilung auch unter Fachleuten umstritten und noch im Fluß zu sein scheint. Ich teile deshalb für diese Haltungsinformation nur in zwei auch für den Laien sehr deutlich zu unterscheidende Gruppen, die westlichen Unterarten und in die wesentlich kleinere ostmarokkanische Testudo graeca graeca, wie sie auch in Spanien vorkommt. Meine Haltungsinformation gebe ich nur für die westlichen Unterarten, zu denen auch meine eigenen Tiere gehören. Ich möchte aber zitieren, was Andrew Highfield, der britische Schildkrötenexperte und gute Kenner nordafrikanischer Landschildkröten, geschrieben hat:

"Zum Glück ist die Gefangenschaftshaltung dieser Arten ziemlich ähnlich - auch wenn betont werden muss, dass kleine Tiere mit heller Färbung, wie sie in sandigen Küstenregionen und im Flachland vorkommen, keinen Winterschlaf halten sondern einen sog. Sommerschlaf. "


Unterbringung:

Hat jemand aber ein frisch importiertes Tier oder übernimmt ein schlecht gehaltenes, rate ich von einer echten Winterstarre im ersten Jahr ab und empfehle eine etwa sechswöchige verminderte Aktivitätsphase, vorausgesetzt natürlich, das Tier ist nicht offensichtlich krank und muß ohnehin warm gepflegt werden. Vor allem illegal importierte Souvenirs würden die kalte Überwinterung aufgrund der vorangegangenen schlechten Haltung in den marokkanischen Souks und Basaren, der meist hohen Prasitenlast und des Stresses durch die neue Umgebung wahrscheinlich nicht überstehen oder erheblichen gesundheitlichen Schaden davon tragen.

 

Ernährung:

Die marokkanische Testudo g. graeca ist vermutlich eher Nahrungsspezialisten als Generalistin, die ihr überwiegend vegetarisches Futter sehr sorgfältig auswählt. Eine neuere Untersuchung (Mouden et al., 2005) ergab, daß T.g.g. von einem breiten Angebot an im Untersuchungsgebiet vorhandenen Pflanzenarten zwar über ein Drittel gelegentlich aufnimmt. Den Hauptanteil an der Ernährung (70%) machen aber nur 5 Futterpflanzen aus. Einige wenige weitere Arten werden ebenfalls etwas häufiger aufgenommen (z.B. Scorpiurus sulcata), andere dagegen aktiv vermieden (Spergula flaccida, Iringium ilicifolium, Anacyclus radiatus).

Bevorzugte Futterpflanzen im Habitat (El Mouden, 2005):

  1. Goldgelber(?) Hornklee Lotus arenarius (28% Anteil)
  2. Kleinblütige Malve Malva parviflora (15%)
  3. Tragant Astragalus cruciatus (15%)
  4. Rauher Schneckenklee Medicago hispida
  5. Nickender Herbstlöwenzahn Leontodon saxatilis

Ähnliche strikte Futtervorlieben konnte ich auch an meinen adulten Tieren beobachten. Anders als Testudo hermanni, die ein deutlich breiteres Futterspektrum akzeptieren, beschränken sich die Graecas auf wenige Futterpflanzen und hungern lieber, falls diese nicht angeboten werden. Bislang wurde diese "Mäkligkeit" auf Fütterungs- und Haltungsfehler in der Vergangenheit zurückgeführt, möglicherweise ist es aber ein arttypisches Verhalten. Insbesondere die Wegmalve und Wilde Malve könnten darüberhinaus die bei dieser Art häufig beschriebenen Atemwegsprobleme verhindern oder zumindest lindern helfen. Ihnen wird zumindest in der Humanmedizin entsprechende Wirkung zugeschrieben. Auch wenn man eine möglichst natürliche Ernährung anstrebt, wird man außer beim Nickenden Herbstlöwenzahn und dem Rauhen Schneckenklee, die auch in Mitteleuropa heimisch sind, auf artverwandte Futterpflanzen zurückgreifen müssen. Dabei muß man bedenken, daß alle Vorzugspflanzen einen sehr hohen Nährwert besitzen und auf die wesentlich kürzeren Vegetationsperioden in ariden Gebieten abgestimmt sind. Sie dürften zu exzessivem Wachstum führen, wenn sie, wie bei uns üblich, über viele Monate zur freien Verfügung stünden.

Mögliche einheimische Ersatzpflanzen:

Kleinblütige Malve (Malva parviflora): Andere Malvengewächse wie Wegmalve (M. neglecta), Wilde Malve (M. sylvestris); Moschusmalve (M. moschata), Bechermalve (Lavatera trimestris), Zimmerhibiskus (Hibiscus rosa sinensis), Roseneibisch/winterharter Hibiskus (Hibiscus syriacus), etc.
Nickender Herbstlöwenzahn Leontodon saxatilis: Heimische Pflanze, ansonsten andere Korbblütler wie Herbstlöwenzahn (Leontodon autumnalis), Gänsedisteln (Sonchus sp.), Lattich (Latuca sp.), Wiesen-Löwenzahn (Taraxum officinale), etc.
Hornklee, Schneckenklee, Tragant : Andere Leguminosen wie Weißklee (Trifolium repens), Wilde Wicke (Vicia sp.), Winden (Convolvulus sp.), Luzerne (Medicago sativa), etc.

Desweiteren werden gefressen:

Gartenschaumkraut Cardamine hirsuta,
Ferkelkraut Hypochoeris radicata,
Klatschmohn Papaver rhoeas,
Taubnesseln Lamium purpureum,
Spitz-, Mittel-, und Breitwegerich Plantago sp.,
Klettenlabkraut Gallium aparine,
Feigenkaktus Opuntia sp.,
Früchte der Walderdbeere Fragaria vesca
Fadenhirse Digitaria ischaemum

Gereicht wird immer die ganze Pflanze, also Blättter, aber auch Blüten, Fruchtstände bzw. Samenkapseln, Stengel und gelegentlich auch die Wurzeln. Da alle obengenannten Futterpflanzen dem natürlichen Futter allenfalls nahekommen, sollte man trotzdem immer versuchen so abwechlungsreich wie möglich zu füttern. Nur so können die Tiere eventuell vorhandene Mangelzustände ausgleichen. Es wird z.B. auch vermutet, daß gelegentlich sogar Giftpflanzen (z.B. Schwarzer Nachtschatten Solanum nigrum) gezielt gefressen werden, um die meist vorhandene Wurmlast zu reduzieren (Longuepierre 1999, Lagarde 2003). Meinen Tieren stehen im Jahresverlauf über 30 verschiedene Futterpflanzenarten zur Verfügung. Außer den winzigen Früchten der wilden Walderdbeere wird dagegen im Sommer keinerlei Obst, Gemüse oder Salat gefüttert.

Kalzium: Die oben erwähnten Futterpflanzen sind überwiegend calciumreich und haben auch ein gutes Ca/P Verhältnis. Trotzdem sollten Kalziumlieferanten wie Sepia, Eierschalen, Seealgengrit und Calcio-Reptin zur freien Verfügung stehen. Insbesondere trächtige Weibchen machen regen Gebrauch davon. Besonders wichtig ist die Kalziumergänzung, wenn überwiegend mit Heupellets (z.B. Agrobs) gefüttert wird. Selbst Agrobs Testudo Herbs besteht überwiegend aus Gräsern. Ihr Kalziumgehalt ist deutlich niedriger als bei den Vorzugspflanzen und bleibt mit 0,4% (Agrobs Testudo) bzw. 1,1% (Agrobs Herbs) signifikant unter den wünschenswerten 2% Ca (Dennert, 1999)

Trinkwasser muß nach meiner Erfahrung in einer großen flachen Schale als Bad angeboten werden, da es sonst nicht akzeptiert wird. Bei den Schlüpflingen empfiehlt es sich, das Wasser in den ersten Monaten mittels Heizmatte anzuwärmen, damit sich ein gutes Trinkverhalten einstellt. Solchermaßen ans Baden und Trinken gewöhnte Tiere können später fast täglich am und im Wasser beobachtet werden.

Winterfütterung: Halten die Tiere keine Winterstarre oder machen eine verminderte Aktivitätsphase bei kühleren Raumtemperaturen durch, kann es besonders im Spätwinter und zeitigen Frühjahr zu Engpässen bei der Versorgung mit natürlichen Futterpflanzen kommen. Bis in den Januar hinein findet man meistens noch genügend Wildkräuter, aber danach werden sie bis etwa Ende März spärlich. Trotzdem sollte man eine Fütterung mit Kulturgemüse, vor allem mit Gemüsefrüchten wie Gurke und Zucchini oder gar Obst und kommerzielles Schildkrötenfutter vermeiden. Am besten als Winterfütterung eignen sich meiner Meinung nach die "Ohren" des Feigenkatus (Opuntie), die abwechselnd mit den Blüten und Blättern von ungiftigen Kübel- und Zimmerpflanzen wie Hibiskus, Malven und Tradeskantien gefüttert werden. Auch ein Futterbrei aus geriebenen Opuntien, gemischt mit Kräuterheu bzw. eingeweichten Heupellets und verschiedene Salate, Endivie, Ruccola und Chicorree können gelegentlich angeboten werden. Weitere Zusätze zum Kaktus-Heubrei wie Vitamine, Mineralstoffe, Öle bzw. Ölsaaten und Vollkornflocken halte ich mindestens für unnötig, wenn nicht sogar für bedenklich.

stachellose Opuntien

GraecaHome | T.g.g. | Fotos | Haltungsinfo | Freilandterrarium | Zucht| Zucht (Fotos) | Zucht (Naturbrut) | Nährwerttabelle | Artenschutz | Marokko-Impressionen | FAQ's | Links